Handreichung für Gespräche mit Verschwörungsleugnern

Handreichung für Gespräche mit Verschwörungsleugnern

 Da VL zeitlich und sachlich meist sehr kurz angebunden sind und eine Vorliebe für Pauschalaussagen haben, sollten sich Aufklärer ebenso kurz und bündig ausdrücken:

  1. Bitte nicht von der Sache ablenken durch den ad hominem-Trick! Genauer: Wir alle mögen Abkürzungen. Ein Teil der rhetorischen Figuren gilt als unerlaubte Abkürzung. Das sind die Trugschlüsse. Deren Zweck ist die Ablenkung von der Sache. Wer sich also nicht auf Sachargumentation einlassen will, tut gut daran, von der Sache auf die Person abzulenken. (Deswegen ist die Benennung „ad hominem-Trugschluss“ an sich auch ablenkend, als ob durch seine Vermeidung die Beweislage verbessert würde.) Hierzu sucht man sich möglichst emotional aufgeladene Gruppen und Themen aus, mit denen der rhetorische Gegner ungern assoziiert werden möchte. Dieser Trick nennt sich Gruppenschuld oder auf Englisch guilt by association. Reductio ad Hitlerum in Deutschland oder Reductio ad Sovieticum in Russland sind sehr populär. Psychologisch Gebildete mögen daneben die Reductio ad psychologiam. Dem Aufklärer wird also eine Diagnose ausgestellt, die ihm nahelegt, sich doch bitte erst einmal um seine seelische Hygiene zu kümmern, bevor er Andere mit Themen belästigt, die sie nicht hören wollen. Sehr beliebt als Diagnose sind Phobien, also rational unbegründete Ängste vor etwas, was der Mensch eigentlich als normale Realität akzeptieren sollte, zum Beispiel was die Regierenden machen (Außerkraftsetzung des GG im Grenzsicherungsbereich, Meinungsfreiheit, Waffenexport etc.) Hier werden sogar zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Nicht nur wird von der Sache abgelenkt, sondern auch der Hang zur Selbstreflexion angesprochen, der bei Aufklärern besonders ausgeprägt ist.
  2. Nicht von der Sache ablenken durch Denken, Allgemeinbildung oder gesunden Menschenverstand. Z.B.: „Wenn das wahr wäre, würde ein Aufschrei durchs Land gehen.“ Oder: „Regierungen machen viel Schlechtes, aber doch nicht so etwas.“ Sachdienliche Hinweise ergeben sich durch gezieltes Quellenstudium. Der König unter den Quellen ist und bleibt das gedruckte Buch. Das Studium von MK Ultra ergibt zum Beispiel die Fortsetzung des o.g. Satzes: „Wenn das wahr wäre/ist, würde sich die Masse dafür nicht interessieren.“ Das Ausblenden der überlebenswichtigsten Fragen vor allem durch Gebildete müsste ein intensiv zu untersuchendes Phänomen in der Forschung sein.Fran_Lebowitz_Quote_Think_Before_you_Speak
  3. Doch, es gibt objektive Tatsachen, gesichertes Wissen und eine objektive Wahrheit, wenn man sie bescheiden im gerichtlichen Sinn versteht. Genauer: In der „Tat-Sache“ und im „Faktum“ steht für alle einsehbar, dass jemand (Subjekt) etwas (Objekt) gemacht hat (Prädikat). Was man aus diesen Tatsachen macht, ist zusätzlichem Wissen, Denken und Gewissen überlassen. Der Hinweis auf die Relativität und Perspektivität allen Erkennens kann gerne gesondert diskutiert werden, wenn wir mit dem Würdigen der offenkundigen Tatsachen fertig sind. Ansonsten gilt auch hier: Bitte nicht von der Sache ablenken durch Allgemeinplätze. Ich würde das nennen reductio ad trivialitatem oder reductio ad relativitatem. Oder reductio ad infinitum: “Wir werden sowieso nie herausbekommen, wer 9/11 gemacht hat.” Es geht weniger um das Herausfinden als um das Hereinfinden: in eine richtige Gesellschaft und Lebensweise. Jüngste Verschwörungstatsache: FISA-Gate in den USA.
  4. Ja, 75 Jahre sind relativ lange her. Aber das Studium der letzten Weltkriege ist sehr wichtig, weil dank Internet viele neue Erkenntnisse das gesicherte Wissen bereichern und dadurch überlebenswichtige Rückschlüsse auf heutige Herrschaftsverhältnisse und die größten Gefahren möglich sind. Stichwort: Verursacher des Ersten Weltkriegs. Wir sollten dazu ermuntern, dass Spezialisten ihren Beruf ausüben dürfen und Tatsachen genauer untersuchen können, um den Anteil an gesichertem Wissen zu mehren, ohne dafür bestraft zu werden. Vor allem Historiker und Anwälte.
  5. Strohmann-Argumente dienen der Ablenkung von der Sache. Also im fiesesten Fall dem Gegner etwas offenkundig Negatives unterjubeln oder – im Verbund mit dem Trick des „Cherry Picking“ – Unbedeutendes oder Einseitiges aufbauschen. Politiker machen das ständig. Der wissenschaftliche Blick auf das Ganze hilft dagegen, Einseitigkeiten zu ertragen. Denn die wissenschaftliche Methode schult uns, immer möglichst korrekte Proportionen der Wahrnehmung und Darstellung zu suchen. In der Debatte gilt es, erst die Position des Gegners korrekt und neutral zu wiederholen, dann seine eigene zu äußern. Deswegen ist es wichtig, das Große im Auge zu behalten, nicht nur vor der eigenen Haustüre zu kehren. Scherzhaft wandte sich ein russischer Poet an eine Frau, vor deren erdrückender Zuneigung er flieht: „Großes wird sichtbar aus der Entfernung.“
  6. Ich auch nicht, dann vermeiden wir einfach das Wort Politik und sagen: Allgemeinwohl mit Fokus auf die Machtfrage. Die Frage nach dem Allgemeinwohl führt zur Erforschung der Fragen, welche Kräfte und Strukturen in Gruppen dominieren, also herrschen. Das ist die berüchtigte Machtfrage. Das ist eine erlaubte Abkürzung. Wie wir in einem Wolfsrudel immer erst mal nach dem Leitwolf suchen. (Bei Menschen muss es nicht immer so leicht sichtbar sein.) Wer in der Gruppe de facto viel bestimmt, wird auch den Diskurs beeinflussen, also die als Normalität empfundenen Gewohnheiten und Regeln, wie Gedanken ausgetauscht werden. Klassiker für diese Frage: 1984. Stichwort: Political Correctness. Dagegen zu sein heißt also nicht, gegen Benimmregeln zu sein, sondern gegen Ideologien, Denkverbote und aufgedrängte Konzepte wie „Hate speech“, „postfaktisch“, „Verschwörungstheorie“ etc. In „Correctness“ schwingt englischer Sarkasmus mit. Merke: Je subtiler die Propaganda, desto besser. Ausgangsquelle ist hier Edward Bernays, untersucht von Rainer Mausfeld.
  7. Rechts, links usw. Das ist alles Teil der Spalte- und Herrsche-Spiele der Machteliten. Zudem ist heute eine Orwellsche Umkehrung von „rechts“ und „links“ zu konstatieren, da die herrschenden Kreise „links“ für ihre Taten gelten lassen wollen und somit „rechts“ für ihre Kritiker vorbehalten. „Links“ bedeutet zwar generell dem sozialen Frieden und der Gerechtigkeit verpflichtet, aber auch und dezidiert: in steter Skepsis gegenüber den jeweiligen Machthabern und ihren Ideologien, auch und gerade wenn diese sagen, sie verkörpern diese Ideale. Der wahre Linke ist also stets selbstkritisch und fragt, ob er nicht von der Macht gekauft wurde, wenn er auf einmal aufhört, sie zu hinterfragen und statt dessen die Andersdenkenden oder die überhaupt Denkenden als Feinde der Gesellschaft sieht. An den Früchten sollt ihr sie erkennen. Einfacher Test: Wer für Frieden ist, sollte den Holocaust an den Tieren nicht unterstützen. Wer für Hilfe für Flüchtlinge ist, sollte die Umvolkungspolitik ablehnen, weil durch die offizielle Ersetzungsmigration wahren Flüchtlingen und allen Ländern geschadet wird. Wer für Volksherrschaft ist (pardon, besser man nennt sie Demokratie), sollte für direkte Abstimmung, Souveränität, Friedensvertrag, Meinungsfreiheit, Verfassung und deren Beachtung durch Regierende sein, also gegen Lobbykratie. Wer für gesunde Umwelt ist, sollte gegen Geoengineering, angereicherte Uranwaffen und E-Smog sein. Gemeinsam sind wir stark.
  8. Veganismus spaltet die Gesellschaft oder zumindest die Bewegung der Aufklärer nicht. Er ist nach heutigem Kenntnisstand (wenn es also wahr ist, dass der Mensch wirklich keine tierischen Elemente in der Nahrung braucht, wofür sehr viel spricht) die umfassendste und einfachste Lösung für die meisten Probleme der Welt. Was spaltend vorkommt, ist in Wirklichkeit der innere Kampf gegen die Wahrheit, der in jedem von uns mehr oder weniger stark tobt. Außerdem ist Veganismus zutiefst „links“: gegen die Versklavung von Unterprivilegierten. Auch die Psychologen können hier dem Ur-Narzissmus entgegenwirken: dem Wahn, die Spezies zu sein, der alle zu dienen haben.
  9. Danke für den Hinweis, dass wir sowieso alle mal sterben. Es gibt aber zwei Restrisiken: die Hölle und die Wiedergeburt. Wer gerne systemkonform lebt, sollte auf Nummer sicher gehen und dem Gewissen folgen, so leben, dass aus der Maxime des Handelns ein allgemeines Gesetz werden kann.
  10. Nein, ich habe nichts Besseres zu tun. Sehr viel, aber nichts Besseres. Das ist außerdem Teil des Berufsethos bei Lehrern, Journalisten, Wissenschaftlern, Ärzten, das Allgemeinwohl zu fördern und wahrhaftig zu sprechen.
  11. Unkritisch fragwürdige Quellen zitiert? Das ist zwar ad hominem-Trugschluss (Themen sind zu meiden, weil sie von schlechten Gruppen benutzt werden, z.B. 2+2=4 wurde von Stalin ausgesprochen, Autobahn, Lügenpresse von den Volksverrätern des Dritten Reiches. Ach so, „Volksverräter“ wurde auch von ihnen benutzt und das „Dritte Reich“ von ihnen nicht in Anführungszeichen gesetzt. Kompliziert.), also unterste Schublade der Sachvermeidung, trägt aber einen mutmachenden Kern mit sich: den Verweis auf saubere Quellenarbeit. Das ist in der Tat der Leitstern bei der Wahrheitssuche. Welche Quellen bieten Sie in dieser Frage zur kritischen Überprüfung an? Ich habe für alle Fälle mal einen Blog erstellt mit dem Titel: Quellentipps. Sehr empfehlenswert. Mit extra unterhaltsamen und zeitsparend gebündelten Tipps für Quereinsteiger in die Wahrheitssuche. https://alethocracy.wordpress.com/
  12. Das Gute, das Wahre, das Schöne. Diese drei Kriterien sind völlig ausreichend. Die Spannungen untereinander muss man aushalten, dann kommt man zur allseits geforderten Differenziertheit der Weltanschauung. Ein schönes Zitat eines russischen Schriftstellers dazu:

„Der Gegensatz von Liebe ist nicht Ekel, nicht einmal Gleichgültigkeit, sondern Lüge. Folglich ist die Antithese von Hass Wahrheit.“     Sergej Dovlatov

Противоположность любви – не отвращение. И даже не равнодушие. А ложь. Соответственно, антитеза ненависти – правда.    Сергей Довлатов

 

Anmerkung von Ingo Bading: Eine kleine Begriffsgeschichte zu dem schönen Begriff “Verschwörungsleugner”. Dieser Begriff wurde 2014 von Olav Müller (SPD Offenbach) auf einer Montagsdemonstration in Berlin am Brandenburger Tor benutzt (da hörte ihn der Verfasser dieser Zeilen zum ersten mal). Er war aber – wie Internetrecherche ergibt – schon 2012 von Andreas Popp benutzt worden (Wissensmanufaktur 2012). Auch Andreas Popp hatte den Begriff wohl nur aus dem Englischen, denn dort wurde er beispielsweise 2010 auf Alex Jones’ “Infowars”-Portal von einem Paul Joseph Watson benutzt als “conspiracy denial” (Infowars 2010). Aber auch von ihm stammt dieser Begriff nicht, denn er wurde schon spätestens 2003 in der 9/11-Wahrheitsbewegung von Jerry Russell und Richard Stanley benutzt (911-Strike, 2003). Soweit eine kurze Recherche, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

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