Einmischung in die inneren Angelegenheiten – der Welt

 

Über die Gemeinsamkeit zwischen Studenten in Korea und Migranten in Freiburg führte die ..Zeitung ein Interview mit Jochen Stappenbeck

* Fiktives Interview, inspiriert von der Aussicht auf Zusammenarbeit

 

IN: Du studiertest 1992 in Freiburg, als wir uns dort anfreundeten. Seitdem treibst du dich in der Welt herum, arbeitest zurzeit in Südkorea. Fühlst du dich als Migrant?

JS: Durchaus, oder eher als Planetarier. Planet heißt auf Griechisch Herumschweifender. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich mich auf das Flüchten aus Idyllen spezialisierte. Die Freiburger verneinen hartnäckig, dass ihre Stadt eine Idylle sei, aber in den 1990ern war das schwierig zu verneinen. Durch die Studenten und die Umsiedler aus dem Ostblock war sie auch schon schön bunt. Innerlich wuchs in mir aber die Sorge, die Seele würde korrumpiert vor Glück und Leichtigkeit. Ich wollte die echte Realität erfahren und dort sein, wo ich menschlich gebraucht werde. Also zog ich auf das harte Pflaster von Berlin, habe dort unter anderem im Gefängnis gearbeitet. Mit der Zeit wurde es auch dort zu idyllisch, also zog ich nach Moskau. Und von dort ins Moskauer Umland.

IN: Und dort war es immer noch zu idyllisch?

JS: Nein. Ich konnte mich den ganzen Tag mit Problemlösen beschäftigen. Der „Nah“-Verkehr allein ist schon aufreibend. Korea war dann eher ein Rückschritt in die Idylle. Alles funktioniert sehr schön und ich finde das toll.

IN: Also wurdest du innerlich doch korrumpiert?

JS: Jein. Ich akzeptiere zwar den Genuss, dort mit wenig Stress den Lebensunterhalt zu verdienen, aber fühle mich da ganz in meinem Element als geduldeter Fremdkörper, der ständig neu lernen und gleichzeitig ständig unterrichten darf. Diese Doppelrolle des Lerners und Lehrers ist sehr inspirierend. Als Lerner bin ich demütig und dankbar für alles Entgegenkommen, als Lehrer habe ich die Lizenz zum Nerven. In der konfuzianisch geprägten Gesellschaft Koreas ist man als Lehrer und Professor eine Respektperson. Das ist schon mal sehr praktisch.

IN:  Du unterrichtest Deutsch an der Uni. Wollen viele Koreaner Deutsch lernen?

JS: Von den Wenigen, die es studieren, wollen es die Wenigsten auch wirklich lernen. Die drei beliebtesten Sprachen sind Englisch, Englisch und Englisch. Die Besonderheit des koreanischen Bildungssystems ist, dass man einerseits geradezu bildungsbesessen ist – jeder muss auf Teufel komm raus ein Diplom haben –, andererseits ist die Wahl des Fachs deswegen oft keine Herzensangelegenheit. Beim Deutschunterrichten bin ich in erster Linie Motivationstrainer. Hinzu kommt die schreckliche Ablenkung durch das Teufelszeug Smartphone. Und es ist im Durchschnitt von Jahr zu Jahr eine Verschlechterung der Lern- und Denkfähigkeit zu erkennen. Das klingt jetzt nicht höflich, aber es ist nicht Schuld der Studenten, sondern der Eltern, der Unis und des Systems, das die jungen Menschen in das Hamsterrad des tumben Arbeitstiers und Konsumenten treibt und gleichzeitig – um sicher zu gehen, dass sie da auch nicht raus wollen – ihre Gesundheit ruiniert durch Fast Food und Elektrosmog.

IN: Ist das nicht global zu beobachten und vielleicht ein bisschen übertriebene Sorge von uns Alten, die die Digitalisierung der Welt nicht mehr so locker wegstecken können?

JS: Ja, das ist global zu sehen und hat mit der Globalisierung zu tun. Es ist aber eher eine untertriebene Sorge von uns Alten zu erkennen. Man beschwichtigt und ist in Wirklichkeit auch Sklave dieses Systems: Die Annehmlichkeiten werden akzeptiert und der Rest wird verdrängt. Unsere Zivilisation baut auf das Unsichtbarmachen und das In-die-Peripherie-Drängen der existentiellen Bedrohungen.

IN: Und wie motivierst du dann deine Studenten? Doch nicht mit solchen apokalyptischen Diagnosen?

JS: An der Freiburger Uni steht in goldenen Lettern: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (wenn es noch nicht übermalt wurde). Jemand hat den Satz fortgesetzt: „Aber erst macht sie euch fertig.“ Wahrheit gilt es immer nur wohldosiert zu verabreichen, aber die Liebe zur Wahrheit, zur Weisheit, zur Natur darf man beliebig anfachen. In Korea habe ich noch Kurse auf Englisch zum Weltgeschehen: Mittlerer Osten, Europa, Geschichte des Kapitalismus. Da behandeln wir die wichtigsten Fragen der Menschheit mit konkretem Bezug zum eigenen Leben.

IN: Ist die Uni da so offen? Du nanntest sie doch eben als mitschuldig an der Verschlechterung der Lebensperspektiven?

JS: Die Administration zensiert netterweise noch nicht inhaltlich, jedenfalls nicht bei ausländischen Dozenten: Das fällt ja letztlich alles unter Sprachpraxis. Und ich pflege einen streng sokratischen Stil: Ich weiß nur, dass ich nichts weiß. Aber fragen darf man ja mal. Und Quellen suchen.

IN: Wird von dir als Gast nicht erwartet, dass du dich nicht in innere Angelegenheiten einmischst? Erfährst du Widerspruch in deinem Wirken?

JS: Wie gesagt, als Lehrer hat man die Lizenz zum Nerven. Und die Koreaner lassen sich schwer aus dem Gleichgewicht bringen, ich bin menschlich auch eher der zurückhaltende Typ, will niemandem persönlich auf die Füße treten. Aber als braver Deutscher benutze ich als Ausrede einen Trick: die Kollektivschuld. In Europa kann man sich auf Wiedergutmachung für die dunklen NS-Jahre berufen, wenn man die Verhältnisse im Gastland verbessern will. In Korea geht das nicht so einfach. Die Deutschen haben hier nichts Böses gemacht. Außer man sieht die Ur-Ursache des Koreakrieges und der Teilung im deutschen Karl Marx, in der deutschen Einschleusung Lenins nach Russland und im Überfall auf die Sowjetunion, was also die Grundlage für Stalins Unterstützung Nordkoreas war. Es geht auch einfacher: Das, was wir heute als Welt-System haben, ob es nun Kapitalismus, Globalismus oder anders genannt wird, ist eindeutig in Europa entstanden. Es muss zum Grundwissen gehören, die Linie ziehen zu können: Babylon, Israel, Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich, Niederlande, Deutschland, England, USA. Die Imperien, die abrahamitischen Religionen, der Materialismus, das Geldsystem, die Industrielle Revolution, die Expansion, der Zwang zum ewigen wirtschaftlichen Wachstum. Und die Bedrohung der totalen Auslöschung. Dafür fühle ich mich mitverantwortlich.

IN: Mit Geschichte kann man heute aber junge Leute nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken. Und mit Politik wohl noch weniger.

JS: Richtig, das scheint sogar absichtlich langweilig (Geschichte) oder abstoßend (Politik) konzipiert zu sein, damit sich die Menschen ja nicht dafür interessieren. Deswegen habe ich mich zur Vorbereitung auf meine Kurse extra auf die allerwichtigsten Fragen und auf die größten Rätsel gestürzt. „Seht, selbst die schlauesten Gelehrten haben hier keine Lösung, und ihr habt noch keine Ahnung, aber ihr seid jung und offen. Also steht es schon mal eins zu null für euch!“

IN: Zum Beispiel?

JS: Das Leib-Seele-Problem. Was ist unsere Natur? Woher kommt unser Bewusstsein? Folglich: Was ist Wissenschaft? Wer definiert das? Woher wissen wir, was wir wissen oder meinen? Was sind Tatsachen und Quellen? Wie sollen wir leben? In welchem System leben wir? Passt das zu unserer Natur? Und so rutschen wir automatisch in die Kaninchenhöhle, wie sie bei Alice im Wunderland beschrieben wird.

IN: Und damit in die Höhle des Internets. Sprachst du nicht vom digitalen Teufelszeug der Ablenkung?

JS: Nun ja, im Englischen gibt es ein Wortspiel. Facebook und Co. werden „weapons of mass distraction“ genannt. Also Massenablenkungswaffen in Anlehnung an Massenvernichtungswaffen. Mit den Grundsatzfragen lässt es sich vermeiden, in die Hölle der Totalverwirrung zu geraten. Im Gegenteil, es kommt sehr schnell eine Unterscheidung zwischen Schichten mit geballter Wahrheit und Schichten mit geballter Lüge zutage. Wenn man sie als Quellen sortiert, ist die erste eher mit den so genannten alternativen, also unabhängigen Medien zu assoziieren, und die zweite mit systemaffirmativen, also mit viel Geld, Korporationen und der Staatsmacht ausgestatteten Medien. Das ist zunächst mal ein Schock für Menschen, die in Ländern aufwachsen, die offiziell Demokratien sind. Das Wort „offiziell“ wird durch die Arbeit mit den Quellen immer mehr zum Synonym für „Lüge, Manipulation.“ Das schlägt besonders durch, wenn wir das Weltgeschehen analysieren. Es gibt auf der einen Seite die offiziellen Narrative, auf der anderen Seite die wahren, mit Tatsachen untermauerten Narrative.

IN: Muss man für solche Quellenarbeit nicht besonders neugierig sein? Wenn die Menschen immer oberflächlicher werden, dann wollen sie doch solche dunklen Tiefen gar nicht mehr ansehen.

JS: In der Tat läuft die Zeit gegen uns. Aber je dunkler der Tunnel, desto heller die Kerze. Und wie gesagt haben die Studenten in Korea mit praktisch fehlendem Grundwissen die optimalen Voraussetzungen. Denn ungleich den Gebildeten und Scheingebildeten im Westen müssen sie nicht ihre Weltanschauung verteidigen. Das ist doch auch so bei den Migranten. Sie müssen sowieso bei Null anfangen. Dann kann man auch gleich mit dem Richtigen und Essenziellen anfangen.

IN: Oder man kann besonders leicht manipuliert werden, denn man ist ja offen und dankbar für jedes Entgegenkommen. Vor allem in Deutschland wäre es doch vermessen, sich auf einmal gegen die offizielle Politik zu stellen, die einem so viel Gutes tut, vor allem im Vergleich mit anderen Ländern.

JS: Darüber habe ich extra für die InZeitung einen Artikel geschrieben. Er ist auf meinem Blog zu finden, mit vielen praktischen Quellentipps, auch zum Deutschlernen: alethocracy.wordpress.com

 IN: Danke fürs Gespräch!

JS: Danke für Euer Projekt der Völkerverständigung!

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P.S. Die freundliche Antwort der InZeitung vom 20.2.2018:

Guten Tag Herr Stappenbeck

unsere Redakteurin Viktoria Balon hat Ihre Texte an die Redaktion der InZeitung weitergeleitet. Wir sehen keine Möglichkeit der Zusammenarbeit.
Kurze Antwort auf Ihre Meldung im unseren Blog wird in der nächsten gedruckten Ausgabe publiziert.

Redaktion InZeitung

 

Liebe Frau X oder lieber Herr Y,

vielen Dank für Ihre Antwort. Auf eine Zusammenarbeit hatte ich gar nicht gewagt zu hoffen, ich wollte vor allem meiner Inspiration zu Ihrem tollen Projekt der Völkerverständigung Ausdruck verschaffen und Interessierten in Ihrer Redaktion eine kleine Gedankensammlung zur Weiterbildung anbieten. Ich stehe gerne zum Austausch zu Verfügung. Kleine Korrektur: Frau Balon ist Ihre Chefredakteurin laut Webseite.

Vielen Dank für die Gelegenheit, nach so vielen Jahren wieder in die geistige Atmosphäre Freiburgs und seiner geist- und weltoffenen Menschen einzutauchen!

Liebe Grüße

Jochen Stappenbeck

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