„Ist die Waldorfschule links, rechts oder in der Mitte?“

Diese gute Frage, die in der Septemberausgabe der Waldorfschen „Erziehungskunst“ einem Interview vorangestellt wird, erweist sich leider schon in der Vorstellung der Interviewpartner als eine rhetorische. Die beiden Lehrer sind Mitglieder des Arbeitskreises „Schulen gegen Rechts“ in NRW.

Bei aller Akzeptanz des Opportunismus, der einer Privatschule, die vom Staat unterstützt wird und jegliches Stigma vermeiden will, zugestanden sei, wenn sie unkritisch vorherrschende Etikettierungen übernimmt; im Falle der Freien Walfdorfschule, die zum freien und moralischen Denken erzieht, ist dies fatal, da unmoralisch: Obwohl es ein Leichtes wäre, den „Kampf gegen Rechts“ als von den Medien aufgebauschte Mogelpackung zur Unterdrückung von vernünftigem Denken dezidiert abzulehnen, werden statt dessen die eigenen Leute, die es wagen, von einer „Meinungsdiktatur“ zu sprechen, der Inquisition ans Messer geliefert. Den Herren Interviewten zur Erinnerung, wie demokratische Wahrheitssuche geht: Wenn jemand eine These aufgestellt hat, die einem falsch erscheint, dann muss man dessen Argumente entkräften oder widerlegen. Immer dasselbe Schema: These-Beweis, These-Beweis, These-Beweis. Jeder darf mitmachen, je nach Bedürfnis, ob er lieber verifiziert oder falsifiziert. Alle forschenden Geister sind willkommen. Man darf den argumentativen Gegner nicht kontextlos in einem verzerrten Licht darstellen und ihm dazu noch eine Intention unterschieben, die er vielleicht gar nicht hatte. Das ist unredlich und manipulativ. So geschen im Interview bei „wobei…“:

„Martin Barkhoff hatte ja schon vor einiger Zeit in der Zeitschrift »Das Goetheanum« die momentane Situation in Deutschland als Meinungsdiktatur bezeichnet und mit der NS-Zeit verglichen, wobei es ihm um die liberale Grundhaltung der Gegenwart geht. In diesem Zusammenhang hat er auch lobend Gauland erwähnt. Das sind meines Erachtens hinreichend verlässliche Informationen.“

Man darf als logisch denkender Mensch davon ausgehen, dass die Klage über Diktatur nicht mit liberaler Grundhaltung in Widerspruch steht. Auch wenn er Unrecht haben sollte, ist doch klar, dass er für Freiheit, nicht gegen sie ist. Ihm geht es also um den Schutz der liberalen Grundhaltung vor Machtmissbrauch. Die Verdrehung im Interview gibt dem Geächteten Recht.

Ungeschriebenes Gesetz ist, jedes Vergleichen mit Elementen aus der NS-Zeit zu unterlassen. Das ist ein sehr starker Eingriff in den freien Geist. Folgerichtig müsste ein Lehrer seinen Schülern immer erst Genehmigung erteilen, was sie miteinander verleichen dürfen und was nicht. Äpfel mit Birnen ja, aber nicht mit Orangen. Und wer das hinterfragt, wird bestraft.

Kontaktschuld nennt sich ein in Diktaturen beliebtes Druckmittel, Menschen zu diffamieren und aus der Gemeinschaft auszuschließen, denen man Nähe zu verbotenen Gruppen vorwirft und auf eine ebenso verbotene Gesinnung schließt. Das steht diametral der Meinungsfreiheit in Artikel 5 des Grundgesetzes entgegen. Und in welchem Artikel des GG steht es, dass das Loben eines Herrn Gaulands verboten ist? Es ist umgekehrt strafbar, den Ruf von Menschen zu beschädigen, ohne sie einer Straftat überführt zu haben. Das untrügliche Gefühl für den breiten Konsens gibt dem Interviewten hier die Sicherheit, nicht dafür belangt zu werden.

Eine Küchen-Mitarbeiterin traf ebenso der Strahl der selbstherrlichen Verurteilung: „Caroline Sommerfeld, die zu den Identitären gehört, veröffentlicht im rechten Antaios-Verlag. Sie war Mitarbeiterin in einer Waldorfschul-Küche in Österreich und ist wegen ihrer Äußerungen und Publikationen entlassen worden.“

Die von falschem Gedankengut verseuchte Speise ist im Grunde noch relevanter als Publikationen in einem Verlag, den man als Leser des Interviews untrüglich als böse einstuft. Man braucht also gar nicht recherchieren und etwa Interviews mit dem Herausgeber anhören. Man weiß es eben schon. Es ist offenkundig. Man muss nicht extra nachdenken und nachprüfen, woher die eigene Meinung kommt.

Dass es im „Kampf gegen Rechts“ um den Kampf gegen freies Denken und Forschen geht, wird im Interview spätestens mit der obligatorischen unkritischen Übernahme des Verschwörungstheoretiker-Memes klar.

„Der Zusammenhang besteht darin, dass Verschwörungstheorien komplexe Sachverhalte in einer Weise vereinfachen, dass sie mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben. Ein Beispiel sind die humanitären Katastrophen im Nahen Osten und die daraus resultierenden Flüchtlingsströme. Der Versuch, dieser Notlage wenigstens annähernd gerecht zu werden, wird zur illegalen Masseneinwanderung umgedeutet, die gezielt eingesetzt werde, um einen Bevölkerungsaustausch herbeizuführen.“

 

Rudolf Steiner hätte heute striktes Publikationsverbot in den Organen der Waldorfschule, weil er auf Hintergrundmächte hinwies, die es laut heutigem Diskurs gar nicht gibt und deren Erforschung sofortige Ächtung als „Rechter“ oder Spinner nach sich zieht. In Wikipedia kann man unter Steiner nachlesen, wie er zum Beispiel die britischen Machteliten als Hauptschuldige des Ersten Weltkrieges benannt hat. Nach heutigem Forschungsstand völlig korrekt. Die offizielle Lehre ist 100 Jahre nach Steiner noch nicht so weit, dies in den Schulbüchern zu korrigieren, was wohl damit zusammenhängt, dass die Siegermächte von damals dieselben waren, mit denen man nach dem Zweiten Weltkrieg die Hoheit über Deutschlands Medien bis ins Jahr 2099 festgelegt hatte.

Man sollte also in der Öffentlichkeit diese Themen meiden oder zumindest sie als die offizielle Version kennzeichnen, die noch nicht ganz auf dem Stand der Forschung ist. Als Kompromiss sei folgende Antwortalternative formuliert, die vielleicht bei künftigen Interviews verwendet werden könnte, um sich nicht gegen Steiners Geist so eklatant zu versündigen:

Als „Verschwörungstheorien“ wurden seit 1967 durch den CIA gezielt dissidente Thesen ins Lächerliche gezogen, die zunächst den Kennedy-Mord betrafen, später vor allem auch die Ereignisse am 11.9.2001 und andere Tatsachen, die längst „Verschwörungspraxis“ genannt werden müssten, da sie gesichtertes Wissen sind. „Komplexe Sachverhalte vereinfachen“ trifft also genau umgekehrt auf jene Menschen zu, die den CIA-Vorgaben unkritisch folgen und die mitdenkende Mitmenschen stigmatisieren. Wahrheitssuche ist immer ergebnisoffen und benötigt gemeinschaftliche Anstrengungen, nicht Ausgrenzungen. Die These vom „Bevölkerungsaustausch“ muss wie jede These ohne Ansicht der Person oder der möglichen Konsequenzen des Ergebnisses geprüft werden. Ich kann hier nur so viel sagen: Sie wurde hinreichend geprüft. Mit ein wenig Eigenrecherche kann man sich selbst alle Argumente pro und contra vor Augen führen.

Neben dem „Arbeitskreis gegen Rechts“ sollte es zuerst einen solchen gegen Gehirnwäsche geben. Der Interviewte will Eltern und Schülern konkrete Hilfestellungen geben, sollte aber zuerst Kritikfähigkeit vermitteln, gerne unter Rückgriff auf die Jahre der Stasi-Diktatur, als den Bürgen ebenso geholfen wurde, gegen Abweichler vorzugehen.

„Argumen­tationshilfen gegen rechte Populisten, Erkennungszeichen der neuen Rechten, Entwicklungen und politische Unterwanderung kommunaler Strukturen, dies und vieles mehr wird Thema des AK in NRW werden. Zudem soll es konkrete Hilfestellungen für Schülerinnen und Schüler sowie Eltern und Lehrer an Waldorfschulen geben.

 

https://www.erziehungskunst.de/artikel/wo-stehen-waldorfschulen-politisch-rechts-links-oder-in-der-mitte/

 

Abgesehen davon sind die Ausgaben der „Erziehungskunst“ höchst wertvoll. Seit einigen Wochen bin ich großer Fan der Waldorfschulen. Habe in Berlin-Dahlem hospitiert: ideale Lehrer, inspirierte Schüler. Die große Politik ist recht weit weg vom Schulalltag. Das Aufspringen auf den Anti-Rechts-Zug zeugt eher von einer apolitischen Ausrichtung auf die Mitte der Gesellschaft.

 

One thought on “„Ist die Waldorfschule links, rechts oder in der Mitte?“

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s