Warum ich kein Veganer mehr bin

 

Fehler sind da, um sie zu begehen und dann zu beheben.

Mein Lieblingsroman handelt im 17. Jahrhundert. Henryk Sienkiewicz: Potop (Sintflut). Darin geht es um den Befreiungskampf Polens gegen die schwedische Invasion. Geschrieben 1886. Ein stilistisches und inhaltliches Meisterwerk. Alles ist organisch ineinander verwoben: der herzerwärmende Patriotismus, die Volksfrömmigkeit, die ritterliche Liebe, die reiche Sprache, das spritzende Blut der Feinde, der Eigenen und des Schlachtviehs. Das ist das Normale. Leben nährt das Leben. Es gibt und gab kein einziges veganes Naturvolk. Alles, was genießbar ist, wandert in den Mund. (Das Auge isst mit: oben die geschätzt 32.000 Jahre alte wunderbare Elfenbeinschnitzerei unserer Vorfahren aus der Schwäbischen Alb, das Mammut vom Vogelherd)

Heute leben wir in einem widernatürlichen Pazifismus. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Selbst wenn dieser zusammenbricht, werden wir die entmonopolisierte Gewalt noch lange nicht wahrnehmen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. „Einzelfall“ ist das Äußerste, was wir bedauernd zur Kenntnis nehmen sollen. „Krieg gegen die Bevölkerung“? Das zu behaupten wäre üble Volksverhetzung. „Schleichender Genozid“: Solche falschen Meinungen vergiften das Klima und sind ein Angriff auf die Demokratie.

Dabei ist der Pazifismus nur geheuchelt. Sonst würde man nicht grundgesetzwidrig bei den illegalen US-Kriegen mitmachen und Waffen in alle Welt verschachern. Aber die ist ja zum Glück weit weg.

Der Veganismus unterstützt diese pazifistische Lähmung der natürlichen Wahrnehmung. Verbote über Verbote, damit der Bürger abgelenkt und wieder etwas für die Weltrettung getan ist. Deswegen findet der Veganismus eine recht deutliche Ablehnung im patriotischen Lager. (Ausgenommen einige Extreme, die sich ja in den Schafspelz des Veganismus kleiden, wie wir von Extremismus-Experten lernen, nur um von ihren systemfeindlichen Absichten abzulenken.): Es geht um die Wurst, um unsere Bratwurst.

Bislang entschuldigte sich der Gast, wenn er etwas vom Gastgeber Aufgetischtes aus welchen Gründen auch immer nicht essen wollte. Selbst wenn es eher Brauch war, in diesem Fall ein Auge zuzudrücken, um keine Extrawurst zu spielen. So handelte zum Beispiel der Veganer Gautama, genannt der Buddha, als er Wildschweinfleisch aß, um den Gastgeber nicht zu düpieren. (Und übrigens daran starb.) Heute ist es umgekehrt. Man soll sich den Gästen anpassen. An dieser Umkehrung ist auch das pervertierte Verhalten zum Nutzvieh schuld: Wer dem Suppenhuhn Bürgerrechte geben und dem Kalbsfilet eine schöne Kindheit mit seinen Eltern gönnen will, darf sich nicht wundern.

Dass heute weltweit 150 Milliarden Tiere pro Jahr ohne Gnade und ohne physische Überlebensnotwendigkeit für den Menschen getötet und in Labors gequält werden, ist vor allem für den zivilisierten Menschen eine psychologische Überlebensnotwendigkeit. Für die Aufrechterhaltung des pazifistischen Ethos ist es dabei wichtig, nicht zusehen zu müssen. Auch wenn er nicht darüber nachdenkt, dass die Milch, die er konsumiert, einem Kalb weggenommen wurde, das dafür von der Mutter weggezerrt und achtlos in die Ecke geworfen wird, dass Milliarden von männlichen Küken geschreddert werden, damit eierlegende Hühner das Glück haben, dem Menschen bis zu ihrer Schlachtung aus ihrem Anus so viel Eiweiß wie möglich zu liefern, dann wirkt es dennoch in seinem Unbewussten als Bestätigung, noch im natürlichen Kampfmodus zu sein, den das Lebendige ausmacht, und vor allem – auf der Seite der Stärke zu stehen, auf der Seite des Gewinners.

Es ist auch das Gefühl der Wichtigkeit, der Privilegiertheit, des Augen-Zu-Und-Durch-Erwachsenseins, das durch den Tierkonsum vermittelt wird. Früher war Fleisch wie der Thron vor der Rennaissance: nur für die Obersten oder an besonderen Festtagen. Dann erfand man den Stuhl für Jedermann. Im Fleischkonsum bestätigt sich der Souverän, das Otto-Normalverbraucher-Volk, in seiner Königswürde. Der Veganismus ist ein Angriff auf den Individualismus und die bürgerliche Ordnung.

Auch wenn die industriell gewonnenen tierischen Produkte chemisch und pharmazeutisch durchsetzt und deswegen mehr Todes- als Lebensmittel sind, das ist zu vernachlässigen, denn geben sie dem modernen Menschen das erbauliche Gefühl, Macht auszuüben. Seine Ohnmacht gegenüber dem Staat, dem Hamsterrrad und den oberen Zehntausend kompensiert er durch die Allmacht über die ohnmächtigen Lebewesen, die nicht unter die Goldene Regel und das Gebot der Barmherzigkeit fallen, weil es einfach noch nicht vorkam, dass Tiere sich zum Widerstand oder gar Rachefeldzügen organisierten. Pech gehabt. Es besteht also kein Risiko. Im Menschenreich hieße das Schäbigkeit und Feigheit, denn man muss die Schwächeren schützen. Aber hier ist es in Ordnung. Außerdem haben wir noch die Haustiere, die stellvertretend für die Nutztiere unsere Fürsorge erfahren.

Dieser breite Konsens bringt dem Menschen wieder ein warmes Gefühl der Mitte innerhalb der kühl und anonym gewordenen Gesellschaft. „Das ist schon in Ordnung.“ Wie mütterlich verzeihend und ermutigend klingt das. So segnet der heldenhafte Vorsteher der Festung von Tschenstochau, Augustyn Kordecki, ihre Verteidiger, denn durch ihre Säbel und Kanonen spricht Gott, hinter ihnen steht die Heimat, das Wahre, die Mitte.

Die Veganer schwächen die Kampfesmoral im Überlebenskampf, indem sie den Menschen noch mehr Öl ins Feuer ihres schlechten Gewissens kippen. Als ob vor allem die Deutschen nicht schon genug am Schuldkult zu tragen (und die Palästinenser deswegen zu leiden) hätten.

Dewegen ist diese Sektierei abzulehnen. Statt dessen müssen wir uns besinnen auf die wirklich gesunde Lebensweise und gesundmachende Ernährungsgewohnheiten: also die Zufuhr der wichtigsten Nährstoffe, die Entgiftung, die Förderung lebenserhaltenden Wirtschaftens. Das geht am besten durch Konsum möglichst naturbelassener Pflanzen. Wobei gilt: je roher, desto besser. Die Tierverarbeitungsindustrie ist so eng mit der Pharmaindustrie verbunden, dass sie komplett boykottiert werden muss, zumal erwiesen ist, dass der moderne Mensch mit pflanzlicher Nahrung allein heute nicht schlechter, sondern besser überleben kann.

Und das alles ohne dieses ärgerliche Wort: Veganismus.

Es geht also darum, vom psychologischen Essen zum politischen Essen zu gelangen. Psychologisches Essen meint: Die Hälfte von dem, was wir in uns stopfen, ist unnötig, ist nur Stresslinderung und Ablenkung, sozialen Faktoren geschuldet, Irrtümern eines mechanischen Menschenbildes. Dabei ist es egal, ob gesund oder ungesund, der Input ist unnötig. Ersetzt werden soll diese psychologische Ersatzhandlung durch das politische Essen: als Hebel für das Gemeinwohl. Die eigene Gesundhaltung ist also kein Selbstzweck, sondern dient der Gesundung der Gesellschaft, der Lösung der Hauptprobleme (cf. 10 Elefanten). Das politische Essen wird zwar heute schon von der linken Agenda benutzt bzw. missbraucht, aber es muss ideologieübergreifend sein, die Lager vereinen.

„Vegan“ ist da schon viel zu festgefahren. Es suggeriert: „Tiere verwerten verboten und dann schau mal, wie du zurechtkommst.“ Das geht nach hinten los, weil erstens jeder für sich dies als nicht zumutbar einstufen kann, zweitens die Motivation nicht von innen kommt. Dabei ist der Tierschutzaspekt nur ein Aspekt. Es geht um die Bewusstmachung, wozu man die Notwendigkeit der Ernährung sinnvoll benutzen kann. Als erstes ist hier der Grad der Freiheit VON der materiellen Ernährung zu erkennen und auszuloten, um weniger erpressbar zu sein, dann die Freiheit ZU einer guten Auswahl, die eine gute Bewirtschaftung fördert und die lebenszerstörenden Strukturen in sich implodieren lässt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Jasna_G%C3%B3ra

 

2 thoughts on “Warum ich kein Veganer mehr bin

  1. Ich bin seit vielen Jahren ein ziemlich konsequenter Laktovegetarier. Dieser Tage war ich zu einem “Brunch” eingeladen. Zum Rührei genehmigte ich mir ein fingergroßes Minibratwürstchen. Im Geiste hatte ich mir schon erlaubt, eine Scheibe Rinderbraten zu essen, aber als ich davor stand, kamen Schlachthofbilder vor mein inneres Auge und mir verging die Lust. Ich begnügte mich mit den Beilagen Rotkraut und Kartoffelgratin.
    Die Natur, jedenfalls die uns bekannte Natur, in welcher wir leben, existiert in Fressen und Gefressenwerden. Der geistbegabte, reflexionsfähige Mensch kann davon in einem gewissen Maß Abstand nehmen. Doch es stellen sich Fragen über Fragen, wie etwa die nach dem ontologischen Status von Tieren.
    Der Veganismus war für mich nach einem einmaligen Versuch schon nach zwei drei Tagen erledigt. Aus rein pragmatischen Gründen. Moral hin Moral her.

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  2. Danke für Deinen Kommentar! Gemessen an den lebensverändernden Erschütterungen durch Wahrheitsannäherungen in den Bereichen Geschichte, Geist und Gemeinschaft, die wir Aufklärer immer wieder erfahren, klingt „Nach zwei drei Tagen erledigt“ doch recht schlicht. Mit meinem Beitrag wollte ich darauf hinweisen, dass der Grund im falschen und verzerrenden Verständnis von „Veganismus“ liegen könnte, dass also am besten der Begriff ausgelassen werden sollte. Nirgendwo sind die Fronten so verhärtet wie im Ernährungsbereich. Der Mensch verteidigt seine Essgewohnheiten zäher als Gott und Vaterland. Zwei drei Tage lag Jesus auf dem Totenbett, um dann ein neues Leben zu beginnen. Zwei drei Tage kann man auch mal gar nichts essen, ohne das „vegan“ zu nennen. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass der Organismus sehr schnell umstellen kann auf naturbelassene Kost, aber eine bis zwei Wochen sollte man ihm schon gönnen.

    Verglichen mit anderen Offenbarungen ist das sehr schnell. Bei 9/11 habe ich zum Beispiel ein Jahrzehnt gebraucht, um trotz vorliegender Information aus guten Büchern die weitergehende Recherche zu veranlassen. Gerade in unserem Vielfronten-Krieg im geistigen Bereich ist es opportun, sich zu sagen: Hier reicht es erst Mal, Stellung halten und die anderen Bereiche verbessern. Irgendwie passt es: Wo es am leichtesten ist, sind die größten Hindernisse entstanden. Wo die Wahrheit am klarsten ist, wird sie am stärksten besudelt.

    Nicht nur der ontologische Status der Tiere ist klärenswert, sondern auch des Menschen und der Pflanzen.
    Zwei wunderbare Vorträge von W. Storl:

    Ursprung und Weg des Menschen (Vortrag)

    Die Pflanze als Spiegel der Seele (Vortrag)

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