Offen aus Tradition? (Leserbrief meines Vaters, 83 J.)

Offen aus Tradition? 

 

Zu EN vom Freitag, 15. Mai 2020 „Stadtrat im Griff der Corona-Pandemie“ und EN vom Samstag, 16. Mai 2020 „Mit Zuversicht in die Zukunft“:

 

Am Tag vor der konstituierenden Sitzung des Stadtrates protestierten Pfarrer Johannes Mann und andere Redner auf dem Rathausplatz gegen die Wahl von zwei AfD-Abgeordneten im neuen Stadtrat. Sie demonstrierten damit auch gegen das  bestehende Wahlrecht, das es jedem Wähler freistellt, unter allen auf der amtlichen Wahlliste genannten Parteien zu wählen. Die aus der Kommunalwahl im März hervorgegangenen Stadträte gehören damit m. E. automatisch alle zu den „demokratischen Kräften“ – solange sie den Souverän, den Wähler, nicht vom  Gegenteil überzeugt haben.

Es steht Mandatsträgern nicht zu, anderen Mandatsträgern das Recht abzusprechen, mit gleichen Rechten (und Pflichten) im Stadtrat ihre Aufgaben zu erfüllen.

 

Auf dem Rathausplatz wurden die zwei AfD-Stadträte öffentlich als Faschisten verunglimpft. Der Ausruf „Nie wieder AfD-Faschisten im Erlanger Stadtrat!“ wurde von allen Vermummten in dem Care beklatscht. Mir ist sehr unwohl bei dieser Sachlage, die sich ähnlich im Stadtparlament fortsetzte. Nur wurde hier die Vokabel Faschisten ersetzt durch Antidemokraten, Populisten, Rassisten.

 

Seit Jahrzehnten gedenke auch ich jährlich des  8. November 1938. Menschen wurden  gedemütigt, nur weil sie Juden waren. Erlangen, offen aus Tradition.  Ich nahm immer an, daß nach 1938 dieser Satz  auch im politischen Spektrum als eine Art  Selbstverpflichtung angesehen würde. Nun erlebe ich, daß wieder Menschen beschimpft werden, weil sie in diesem Fall einer Partei angehören, die an anderen Orten für Kritik sorgte. In Erlangen sollten sie für unser Gemeinwohl zuständig sein und konstruktive Ideen beisteuern.

 

Offen aus Tradition? Für 2020 gilt das nicht mehr. Ich schäme mich für meine Volksvertreter, die am 15. Mai eine Ansprache von Siegfried Ermer (AfD) nicht anhören wollten, indem sie die Ladeshalle verließen oder dem Redner  den Rücken zukehrten. Letzteres haben die EN am 16. Mai auf Seite 33 dokumentiert. Ein beschämendes Bild!

Jürgen Stappenbeck, Tennenlohe

 

 

Lieber Vater,

 

besser hätte man es nicht schreiben können. Wen das nicht berührt, der ist verloren.

Der sächsische Psychiater Hans-Joachim Maaz spricht von einer narzisstisch gestörten Gesellschaft. Alles typische Abwehrreaktionen aus diesem Störungsspektrum. Je klarer der Psychopath widerlegt ist, desto hysterischer schlägt er um sich und verdreht die Angreifer-Opfer-Rolle. Beschuldigung des Gegners gehört dazu, weil man Schuld immer externalisieren muss als Psychopath. Je unschuldiger dieser Gegner ist, desto aggressiver wird er angegriffen und beschuldigt, er sei der Angreifer. Das pathologische Kalkül dahinter ist, dass sich das Opfer wehrt und selbst irrational wird. Dann ist das Chaos perfekt und Außenstehende halten sich formal raus, sind aber de facto auf Seiten des Angreifers, wenn dahinter die Macht steht.

Wenn die geballte Macht aus den Korporationen, der Politik und der Medienideologie zusammen wirken, ist das per definitionem Faschismus.

Deswegen wurden in der NS-Psychopathie ja auch nicht die mächtigen Juden belangt (Rothschild etc.), sondern die wehrlosen normalen Bürger und die armen Juden in Osteuropa.

Aber: “Erkläre einem Verrückten mal, dass er verrückt ist.”

Das ist ein langer therapeutischer Prozess, der mit der Rückkehr zu natürlichen Lebensweisen gefördert werden kann. So gesehen ist die beschleunigte Technokratisierung unter dem Vorwand der Corona-Eindämmung auch eine Chance, dass die Menschen aufwachen, weil sie merken, immer mehr entmenschtlicht zu werden.

Der Appell an Demokrtie und Pluralismus, also mehr als nur eine von oben verordnete Meinung anzuhören, geht ins Leere, weil für den narzisstisch Gestörten schon das Nebeneinanderstellen von zwei teilweise plausiblen, teilweise nicht plausiblen Perspektiven eine Überforderung darstellt.

Die Corona-Krise ist auch für die schon besser Informierten eine wichtige Lehrstunde, weil sie nun sehen müssen, dass Aufklären nichts bringt ohne Verständnis der gesamten pathologischen Prozesse, der Viren des Geistes.

 

LG

Jochen

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